China

Barbara Lange

Drei Tage Beijing

11.06.2024

Bei der Planung dieser Reise hatte ich darum gebeten, eine Woche freizuhalten, damit ich reisen kann. Also im Sinne einer touristischen Reise ohne Verpflichtungen. Eigentlich hatte ich vorgehabt, einen Nationalpark zu besuchen und mich mal außerhalb der Großstädte umzuschauen. Das ist allerdings aufgrund der Entfernungen nicht ganz so einfach und immer sehr zeitaufwändig. Zwischendrin kam dann die Idee auf, dass ich eine Gruppe aus Hangzhou auf ihrer Reise nach Tibet begleiten könnte. Der Verein zur Förderung der chinesischen Volkskunst in Zheijang plante dort eine Feier zu seinem 50-jährigen Bestehen. Eine Einladung seitens des Vereins hatte ich, allerdings musste diese Einladung von staatlicher Seite aus genehmigt werden und da hat es dann irgendwo geklemmt. Auf jeden Fall habe ich die Genehmigung nicht bekommen. Das war einerseits schade, andererseits war es mir ganz recht, denn mittlerweile hatte meine Tochter überlegt, dass sie mich besuchen kommen wollte. Sie war noch nie in China gewesen und daher standen natürlich Beijing und Shanghai auf ihrer Wunschliste. Ihr Flug sollte Sonntag früh um 5 Uhr in Beijing landen. Das ist eine widerliche Zeit. Man hat wenig bis gar nicht geschlafen, kann noch nicht im Hotel einchecken und hat den ganzen langen Tag vor sich. Daher bin ich bereits Samstagabend nach Beijing geflogen, habe das Hotel bezogen und so hatte sie bei ihrer Ankunft zumindest eine Anlaufstelle mit funktionierender Dusche.

Schlafen war allerdings keine Option – den Jetlag bekommt man am besten in den Griff, wenn man sich dem Tagesrhythmus vor Ort anpasst. Also bekam sie gefühlt ihr fünftes Frühstück hintereinander und dann haben wir auf den Weg in die Innenstadt von Beijing gemacht. Der Weg führ an einem kleinen Fluss entlang. Mitten in der Innenstadt stehen hier die Leute am Fluss und Angeln, führen ihre Hunde und Kanarienvögel aus (kein Witz, manche haben Vogelkäfige mit keinen Finken und Sittichen dabei), machen Pilates oder lassen Drachen steigen. Abends gerne beleuchtete Drachen, wie wir im Laufe der Tage feststellen. Wir entdecken reife Maulbeeren, einen Wiedehopf und mehrere Reiher und gelangen so fernab vom Straßenverkehr direkt zum Südbahnhof von Beijing. In die U-Bahn kommt man wie immer nur, wenn man den Pass vorlegt und die Sicherheitskontrollen passiert, aber dann ist man auch gleich in der Stadt.

Sonntags ist in den Sehenswürdigkeiten immer am meisten los, daher haben wir überlegt, uns erstmal einen Überblick über die Stadt zu verschaffen, vielleicht über den Platz des Himmlischen Friedens zu laufen und uns treiben zu lassen. Der Plan klappte nur so semi. Also eigentlich gar nicht. Bereits beim Verlassen der U-Bahn am Tian’anmen Platz ging die Sache mit den Personenkontrollen los. Fünf Kontrollen später, gerade als wir den Platz betreten wollten, standen wir wieder in einer ewig langen Schlange und als wir endlich dran waren, wurden wir abgewiesen, weil wir uns einen Tag vorher hätten online anmelden müssen. Nix Tianànmen Platz. Murks. Also Plan B.

Wenn man außen an der Mauer der Verbotenen Stadt entlanggeht, kommt man durch diverse Parks und kann immer mal wieder einen Blick in die Palastanlage erhaschen. Nördlich vom Palast liegt der Jongshan Park mit ein paar Hügeln auf denen kleineren Pavillons stehen. Von hier aus hat meinen einen guten Blick auf die Verbotene Stadt. Das Wetter war ideal, allerding wurde es von Stunde zu Stunde heißer. Das hatten auch die Chinesen gemerkt. Ein Milliardenvolk war draußen unterwegs.

Von weitem winkte der Beihai Park. Die ehemalige kaiserliche Parkanlage besteht aus einem See mit einer Insel, auf dem ein buddhistischer Temple mit dem weißen Bai-Ta Turm steht. Hier verläuft sich das Getümmel etwas. Wir haben ein nettes Teelokal direkt am See gefunden und bestimmt zwei Stunden Kaffee bzw. Tee getrunken. Kaffee bekommt man in China nicht so einfach wie bei uns – für mich war daher Feiertag 😊

Eigentlich hatten wir an diesem Punkt den Eindruck, dass wir für heute bereits genug gesehen hatten und wollten uns nur auf den Weg zur nächsten U-Bahn machen. Allerdings führte uns der Weg am See entlang in eine Einkaufsmeile mit Restaurants. Anfangs war das alles noch sehr gehoben und im westlichen Stil gehalten. Je weiter wir kamen, desto chinesischer und enger wurde es, bis uns das echte Leben mit seinem vollen Getümmel wiederhatte. Das Gewühle war real. Überall Menschen – viele Menschen, Gerüche, Lärm und ein Angebot an Souvenirs, bei dessen Anblick man sich fragt, wer so etwas jemals kaufen soll. Ab in die U-Bahn. Genug für heute.

Den Besuch der Chinesischen Mauer hatten wir bewusst für Montag geplant, in der Hoffnung, dass wir so dem Massenandrang entkommen würden. Unser Fahrer meinte jedoch, dass aus diesem Plan nur dann etwas werden würde, wenn wir das Hotel um 6:30 verlassen würden.  Es gibt mehrere Stellen, an denen die Mauer zugänglich ist. Manche liegen 3 Autostunden von Beijing entfernt. Von den nähergelegenen war eine gesperrt und eine weitere erschien uns so steil, dass wir uns doch für Badaling entschieden haben. Badaling ist extrem touristisch ausgebaut. Mit Gondelbahnen, die einen zur Mauer heraufbringen, Shuttlebussen, Aufzügen, Imbissbuden und Souvenirständen. Das ganze Programm. Ein bisschen kommt Legoland-Feeling auf. Man fühlt sich wie in einem Vergnügungspark, der einen chinesischen Themenbereich hat. Badaling wird als „rollstuhltauglich“ beschrieben. Allerdings kann man diesen Ausflug niemanden empfehlen, der tatsächlich im Rollstuhl sitzt. Die Mauer ist oben ca. 4-5 Meter breit, soweit wäre das noch gut. Aber der Weg ist alles andere als eben und erfordert gutes Schuhwerk, Trittsicherheit und wenn man den Touristenströmen entkommen möchte, auch etwas Kondition – von der ich allerdings nicht sehr viel habe.

Ich habe mir früher immer vorgestellt, dass die Wachposten hier früher mit Pferd und Wagen unterwegs waren. Also: nicht unbedingt einem großen Wagen, vielleicht so einem zweirädrigen Gespann, so, wie die alten Römer halt auch unterwegs waren. Nichts da. Die Mauer besteht oben größtenteils aus Treppen. Dazwischen liegen Wachtürme, die über die gesamte Breite der Mauer gehen und nur schmale Eingänge haben, die gerade Mal für eine Person ausreichen. Man kommt nicht außen rum, man muss durch den Wachturm durch. Ich wage zu bezweifeln, ob da ein Pferd alleine, ohne Reiter oder gar Wagen durchkäme.

 

Zu Fuß könnte man theoretisch bequem vom ersten Wachtturm zu den nächsten Wachtürmen kommen, wenn man nicht mit gefühlt 2 Millionen anderen Tourist:innen unterwegs wäre. Mit dabei auffallend viele Gruppen von chinesischen Rentner:innen, die einen gemeinsamen Ausflug machen. Alle tragen das gleiche, rote Käppi. Wie die sich untereinander wiederfinden, bleibt uns ein Rätsel. Irgendwann werden die Treppen steil. Extrem steil. Im Sinne von: man kann die übernächste Stufe mit den Händen greifen, wenn man sich nur ein bisschen vorbeugt. Zwischendrin fehlen diese Stufen, und dann ist es nicht nur steil, es wird auch rutschig. So rutschig, dass man sich am Geländer hochziehen muss oder heruntergleiten lässt. Das Gute ist: Es wird hier auch ruhiger. Wobei man sich immer mal wieder fragt, was sich vereinzelte Leute denken, die hier ihre alte Mutter entlangführen, die mit Gehstock unterwegs ist. Denn: Das hier ist brutal anstrengend. Man ist der Hitze schutzlos ausgeliefert. Bergauf kämpfe ich mit meinem Kreislauf, bergab habe ich Angst, den Halt zu verlieren. Auf dem Rückweg beschließen wir daher, den dekadenten Weg zu wählen und fahren mit einer Art Sommerrodelbahn von der Mauer wieder hinunter. Wir waren vier Stunden auf der Mauer unterwegs und zum Schluss zittern mir die Knie.

Unser Fahrer bringt uns als nächstes zu den Ming Gräbern. Das Mausoleum liegt ca. auf halben Weg zwischen der Mauer und Beijing, es ist also kein großer Umweg. Die gesamte Anlage hat entfernte Ähnlichkeit mit dem Tal der Könige. Zwischen großen Kirsch- und Aprikosengärten liegt eine schattige Parkanlage, in deren Mitte sich die unterirdischen Grabkammern befinden. Die Kammer, die wir besichtigen können ist mehr oder weniger leer. Es sind ein paar rote Holzsärge beeindruckender Größe zu sehen. Links und rechts vom Kaiser und seinen zwei Ehefrauen stehen kleinere rote Kisten, in denen sich Grabeigaben befanden. Bisher hat man ca. 3000 Gegenstände wie Goldschalen und kunstvollen Vasen der Ming-Dynastie gefunden. Allerdings sind noch nicht alle Gräber erforscht. Am interessantesten fand ich die Reproduktionen von zwei Kronen, die in einem kleinen Museum zu sehen sind und eine gequiltete Rüstung, ähnlich wie sie in Europa von den Rittern auf den Kreuzzügen getragen wurden.

Wir wollen jetzt zurück nach Beijing. Unser Fahrer ist allerdings nicht zu finden. Er reagiert auch nicht auf unsere Nachricht im Gruppenchat. Der Gruppenchat besteht aus uns beiden, dem Fahrer und Sammi. Sammi hat von Shaoxing aus unsere Zufahrten, Hotels und eben diesen Ausflug organisiert. Und sie hilft prinzipiell jedem in die Spur, der er ihrer Meinung nach gerade nötig hat. Das war in den vergangenen zweieinhalb Monaten ihrer Meinung nach 2-3 Mal nötig, auf dieser Reise  bisher noch nie, sie hat ja auch gerade erst angefangen. Aber vermutlich hat der Fahrer gemeint, dass wir uns hier viele länger aufhalten würden, nachdem wir auf der Mauer auch so lange unterwegs waren. Wir lästern ein bisschen rum, dass sich kein Fahrer auf der Welt trauen würde, uns wirklich sitzen zu lassen, weil er es dann mit Sammi zu tun bekommen würde. Nach dreißig Minuten Wartezeit in der sengenden Hitze beschließt meine Tochter, den Fahrer nochmal anzufunken und zugleich unsere Geheimwaffe Sammi auf den Plan zu rufen. Maxine schreibt daher in den Gruppenchat: „Wo sind Sie? Wir sind auf dem Parkplatz!“ Keine 2 Minuten später meldet sich Sammi bei uns. Wir haben Mama-Bär geweckt. Sie ruft den Fahrer an. Nochmal 2 Minuten später ist der Fahrer da. Er schaut etwas verlegen. Vermutlich brennen ihm gerade die Ohren.

Im Hotel wieder angekommen machen wir erstmal Pause und erkunden dann die Restaurants der Umgebung. Wir entscheiden uns für ein Dumpling-Lokal, das zwei Häuser neben dem Hotel steht. Im Nachhinein stellt sich heraus, dass dieses Lokal in ganz Beijing bekannt ist für seine Teigtaschen. Genau richtig getippt.

Dienstag werden wir um 8:00 im Hotel abgeholt. Dieses Mal geht es aber nicht zum Sightseeing, heute bin ich quasi beruflich unterwegs. Mr. Yang und Sammi haben eingefädelt, dass ich die Universität „Beijing Institut for Fashion Technology“ besuche. Beide sind ganz aufgeregt, dass sie diesen Kontakt herstellen konnten, weil die Schule einen sehr guten Ruf genießt und bisher wengi Interesse an den Aktivitäten der Organisation aus Zhejiang gezeigt hatte.  Mr. Yang hatte mich daher gebeten, mein touristisches Programm zu unterbrechen und einen Tag an der Schule zu verbringen. Die Universität ist bekannt dafür, dass sie eine der größten Sammlungen ethnischer Kleider besitzt. Weil der Campus in Beijing aber mit Platzproblemen zu kämpfen hat, sind nur 1000 der geschätzten 10.000 Exponate zu sehen. Wir bekommen eine ausführliche Führung. Zu ausführlich, wenn man meine Tochter fragt. Ein Saal ist nur dem Schmuck vorbehalten, in anderen geht es um die Entwicklung der Mode in den vergangenen 100 Jahren, die anderen Säle sind den verschiedenen Minderheiten gewidmet. Die neuesten Exponate sind die Uniformen der chinesischen Olympia-Delegation. Die Lehrstühle dieser Universität waren an der Entwicklung der Wettkampfuniformen und der Kostüme für die Siegerehrungen beteiligt. Dies ist eindeutig keine Provinz-Uni.

Zu Mittag essen wir gemeinsam in der Kantine der Universität. Immer mit dabei: Vier Student:innen, deren einzige Aufgabe es ist, dafür zu sorgen, dass alles da ist, was wir brauchen und die Technik reibungslos klappt. Noch bevor man sagen könnte, dass man gerne einen Tee haben möchte oder eine Steckdose sucht, sie die vier schon am Springen. Das Konzept dieses Besuches ist etwas anders als das bei meinen vorherigen Aufenthallten bei anderen Universitäten. Hier hat man sich für einen kleinen Rahmen entschieden. Ich soll nur eine Gruppe von 15 Professoren und Tutoren unterrichten, diese geben dann ihr Wissen an ihre Schüler:innen weiter. Das macht die Arbeit für mich sehr viel entspannter und unterm Strich für alle wahrscheinlich effektiver. Nach der Veranstaltung werden wir zum Essen in ein nahegelegenes Lokal eingeladen. Es gibt Peking-Ente. Das passt nicht nur wie die Faust auf Auge, es schmeckt auch hervorragend. Für alle, die noch nie Peking-Ente in China gegessen haben: Dies hat nichts mit der Peking-Ente zu tun, die man in Europa bekommt. Die Ente wird in einem aufwendigen Verfahren gegart. Die Entenbrust wird als Vorspeise knusprig gebraten und dünn aufgeschnitten. Dazu bekommt man hauchdünne Fladen, in die man das Fleisch legt, nachdem man es in eine eingedickte Soja-Soße gestippt hat. Dazu kommen Gurken-Stifte, Frühlingszwiebeln und nach Geschmack Melone und Hagebuttengelee. Das Ganze wird zusammengerollt wie ein kleiner Wrap. Der Rest der Ente wird entweder aufgeschnitten oder zu einer Suppe verarbeitet. Es schmeckt köstlich!

Mittwoch probieren wir erneut unser Glück mit dem Platz des Himmlischen Friedens. Außerdem hat Sammi uns Tickets für die Verbotene Stadt besorgt. Der Hürdenlauf beginnt bereits in der U-Bahnstation am Südbahnhof. Wir könne dasselbe Ticket, das wir Sonntag völlig problemlos bekommen haben, heute nicht lösen. Wir kämpfen eine Runde mit dem Automaten, uns beiden läuft zum Schluss der Schweiß runter, weil es in der Halle so warm ist und wir trotz aller Bemühungen nicht weiterkommen. Wir spielen kurz mit dem Gedanken, den Ausflug sausen zu lassen.  Zum Schluss bekommen wir doch noch unser U-Bahn-Ticket an einem Schalter. Die Schlangen am Platz des Himmlischen Friedens sind heute um einiges kürzer als Sonntag, wir kommen relativ flott durch ca. sieben Kontrollen, aber dann ist schon wieder Schluss. Angeblich haben wir Tickets für das falsche Museum. Wir können uns das zwar nicht erklären, aber im Nachhinein betrachtet hat Sammi vermutlich Karten für das Chinesische Nationalmuseum auf dem Tian’anmen Platz gebucht und nicht für die Verbotene Stadt, die hier als Palastmuseum bezeichnet wird. Wir überlegen zum zweiten Mal, ob wir wirklich in den Palast wollen. Ja, ich will definitiv, ich bin schon einmal an diesem Palast gescheitert, es würde mir stinken, wenn ich es wieder nicht schaffen würde, ihn zu besichtigen. Also zurück durch die Schlange und ab zum Ticketverkauf. Man glaubt nicht, wie wenig die Chinesen auf ausländische Besucher eingestellt sind, obwohl wir uns in der Hauptstadt bei einem der wichtigsten Sehenswürdigkeiten des Landes befinden. Die Kontrollen in China können in aller Regel unsere Pässe nicht lesen, wir müssen überall manuell kontrolliert werden, wir müssen immer Papiertickets vor Ort abholen obwohl wir Onlinereservierungen haben und in diesem Fall müssen wir einen Fragebogen ausfüllen, ob wir ein chinesisches Handy haben, ob wir WeChat haben und ob wir kontaktlos bezahlen können. Nach der Nummer des Handys wird nicht gefragt. Wir verstehen die Logik dahinter nicht, aber egal, wir haben jetzt unsere Eintrittskarten. Dass wir uns wieder anstellen sollen freut uns nicht sonderlich. Aber der Vorteil daran, dass sie nicht auf Ausländer eingestellt sind ist, dass die Security-Mitarbeiter:nnen oft damit überfordert ist, was sie mit diesen Ausnahmefällen umgehen soll und einen einfach durchwinken. Wir zetteln also eine kleine Diskussion mit einer Aufsicht an und er lässt uns an der Schlage vorbei. Geschafft! Der Name „Verbotene Stadt“ kommt nicht von ungefähr!

Die Anlage ist riesengroß und besteht aus einer Serie von Innenhöfen, die hintereinander weg angeordnet und von großen Hallen voneinander getrennt sind. So arbeitet man sich immer weiter vor, bin man zu den Wohnräumen des Kaisers kommt. Die Höfe und Hallen ähneln sich alle auf eine gewisse Art. Überall findet man Drachenverzierungen und Phönix-Darstellungen. Der Drache ist das Symbol des Kaisers, der Phönix symbolisiert die Kaiserin. Hier wurden alle Entscheidungen getroffen, Kriege beschlossen aber auch bürokratische Neuerungen erarbeitet wie ein einheitliches Maßsystem, Schulsystem und eine Systematik zur Bewertung von Schülern und Beamten. Schulische Ergebnisse haben im Kaiserreich darüber bestimmt, wer welchen Posten bekommt, persönliche Beziehungen waren zwar auch wichtig, aber Wissen in Intelligenz waren noch wichtiger. Das ist auch ein Grund, warum Leistungsdruck innerhalb der Schule in China regelrecht Tradition hat.

 

Es gibt im Palast nur relativ wenig Innenräume, in die man hineinschauen kann. Abseits der Hauptachse finden wir einen Bereich, in dem Musikinstrumente ausgestellt werden, ansonsten sieht man nur die Gebäude von außen. Nach zwei Stunden haben wir die gesamte Anlage durchquert. Man kommt nur im Süden hinein und im Norden hinaus, es ist eine stickte Einbahnstraße. Also laufen wir wieder außen an den Palastmauen entlang, um wieder auf den Platz des Himmlischen Friedens zu gelangen. Jetzt möchten wir zum Mao-Mausoleum, das sich mitten auf dem Platz befindet. Selbstverständlich müssen wir wieder durch mehrere Sicherheitskontrollen, immer brav mit unserer Bestätigung, dass wir uns online angemeldet haben. Jetzt durch die letzte Kontrolle, dann stehen wir auf dem Platz! Äh – Nein. Der Kontrollpunkt wird unmittelbar vor der Dame dichtgemacht, die vor uns steht. Spontan für heute geschlossen. Es gäbe auf dem Platz eine „Aktivität“. „Kommen Sie morgen wieder“. Ja, prima, wie denn? Man muss seinen Besuch 24 Stunden vorher online anmelden. Außerdem wollen wir morgen nach Shanghai weiterfahren. Also wird das nix mit Mao und uns.

Wir beschließen Plan C. Der sieht vor, dass wir zum Kunstareal 978 fahren. Auf dem Gelände einer ehemals deutschen Fabrik von vor 100 Jahren ist eine Künstlerszene entstanden, die hier kleine Ateliers unterhält. Ich war 2014 bereits einmal hier. Damals waren hier viele kleine Kaffees und Galerien, mittlerweile haben sich hier Museen niedergelassen. Länder wie Bahrain, Iran aber auch Dänemark oder Firmen wie Fuji unterhalten hier mondäne Galerien. Für viele muss man Eintritt bezahlen. Das Geld ist in der Bohème eingezogen. Wenn man eine Galerie findet, die kostenlos ist, lohnt sich der Besuch allemal, denn hier sind die Installationen oftmals gewagt oder zumindest ungewöhnlich. In einer Halle finden wir eine Ausstellung, in der die Natur inszeniert wird. Hier ist Mutter Natur am Werk: Es wächst Schimmel, Holz zersetzt sich, gleichzeitig wachsen Salzskulpturen und Seidenraupen bauen ihre Kokons. Die einen Exponate wachsen, andere vertrocknen langsam, während sich wieder andere in Wasser auflösen.

Die Ausstellung „Slow ART“ des Dänen Martin Nannestad mit seinen gewebten Teppichen beeindruckt mich am meisten. Er hat diese Industrieanlage vor ein paar Jahre schon einmal besucht und seine Fotos in Teppichen umgesetzt. Sieht klasse aus.

Wir essen in dem Areal zu Abend. Maxine bestellt sich eine Art Suppe, die Szechuan Pfeffer enthält. Tapfer isst sie alles auf, obwohl ihr Mund schon fast taub ist. Ich hätte das nicht geschafft. Als Kontrastprogramm bekommt das Kind ein Eis von einem selbstfahrenden Eis-Mobil. Ihr Mund erwacht wieder zum Leben.

Auf dem Rückweg zum Hotel schauen wir beim Bahnhof vorbei und besorgen die Papier-Ausdrucker all unserer Fahrkasten für den Rest unserer Reise. Beijing ist vorbei. Nächster Halt: Shanghai!